Bakterien werden zunehmend resistent gegenüber Antibiotika. Eine Alternative ist die Therapie mit Viren, die ausschließlich Bakterien befallen, sogenannte Phagen. Ein von der Europäischen Union gefördertes Forschungsprojekt unter Leitung der Universitätsmedizin Frankfurt untersucht erstmals im Rahmen einer randomisierten klinischen Studie die Kombination aus Phagentherapie und Wiederherstellung des Darmmikrobioms, um wiederkehrenden Harnwegsinfektionen zu behandeln. Die Uniklinik Köln ist als Partnerstandort an mehreren zentralen Arbeitspaketen beteiligt.
Harnwegsinfektionen zählen zu den häufigsten bakteriellen Infektionen weltweit und werden durch zunehmende Antibiotikaresistenzen immer schwieriger zu behandeln. Bei einem Verlauf mit wiederkehrenden Infektionen sind die Therapieoptionen sehr limitiert und führt oftmals zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität der Betroffenen. Das internationale Forschungsprojekt REPhRAME unter der Leitung von Prof. Dr. Maria J.G.T. Vehreschild (Universitätsmedizin Frankfurt) wird mit 15 Millionen Euro aus dem europäischen Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon Europe gefördert. Erstmals wird im Rahmen einer randomisierten klinischen Studie ein zweistufiger Therapieansatz untersucht: Zunächst sollen Phagen – Viren, die gezielt Bakterien abtöten – die Krankheitserreger bekämpfen. Anschließend soll die Darmflora wiederhergestellt werden, um erneute Infektionen zu verhindern. Das Projekt startete im Juni 2026 und ist auf fünf Jahre angelegt.
Jedes Jahr erkranken weltweit mehr als 400 Millionen Menschen an einer Harnwegsinfektion; bei 30 bis 50 Prozent tritt die Infektion wiederholt auf. Da die Standardbehandlung mit Antibiotika das Risiko weiterer Resistenzen erhöht, geraten viele Betroffene in einen Kreislauf aus Infektion, Antibiotikatherapie und erneuter Infektion – ohne dauerhafte Lösung.
REPhRAME setzt auf Phagen, weil diese im Gegensatz zu Antibiotika hochspezifisch wirken: Sie greifen ausschließlich die krankheitsverursachenden Bakterien an und schonen große Teile der natürlichen Mikrobiota. Im ersten Behandlungsschritt kommt ein mithilfe der CRISPR-Technologie entwickelter proprietären Phagencocktail zum Einsatz, der gezielt gegen die häufigsten Erreger wiederkehrender Harnwegsinfektionen – bestimmte Stämme des Darmbakteriums Escherichia coli – gerichtet ist und gleichzeitig die Entstehung neuer Resistenzen erschweren soll. Anschließend wird das Darmmikrobiom mit INTESTIFIX 001, einem Produkt der Cologne Microbiota Bank, wiederhergestellt. Dabei werden Darmbakterien gesunder Spenderinnen und Spender übertragen, um das natürliche Gleichgewicht der Darmflora zu reaktivieren und langfristig vor erneuten Infektionen zu schützen.
Priv.-Doz. Dr. Lena Biehl, Klinik I für Innere Medizin, ist an der Ausarbeitung des Studiendesigns beteiligt und verantwortet mit ihrem Team die Bereitstellung der FMT-Präparate über die Cologne Microbiota Bank, die im Rahmen der Studie eingesetzt werden. Dr. Annika Classen (Klinik I für Innere Medizin) leitet ein Arbeitspaket zur Standardisierung von Phagensensitivitätstestung, die eine wesentliche Voraussetzung für den gezielten klinischen Einsatz von Bakteriophagen darstellt. Darüber hinaus ist die Uniklinik Köln eines der klinischen Studienzentren, in denen Patientinnen und Patienten im Rahmen der europaweiten Studie behandelt werden.
„Mit unserer Expertise in der Herstellung von FMT-Präparaten, der Standardisierung der Phagensensitivitätstestung und als klinisches Studienzentrum trägt die Uniklinik Köln dazu bei, innovative Therapiekonzepte wissenschaftlich zu evaluieren und den Weg für den klinischen Einsatz der Phagentherapie in Europa zu ebnen“, erklärt Dr. Biehl. „Die Standardisierung der Phagensensitivitätstestung ist eine zentrale Voraussetzung, um den klinischen Einsatz der personalisierten Phagentherapie zu ermöglichen und europaweit vergleichbare diagnostische Standards zu etablieren. Mit unserer Arbeit möchten wir dazu beitragen, hierfür die notwendigen diagnostischen Grundlagen zu schaffen“, sagt Dr. Claßen.
Kern des Projekts ist eine klinische Studie in mehreren europäischen Zentren, die Sicherheit und Wirksamkeit der neuen Behandlung systematisch untersucht.Neben der klinischen Studie umfasst REPhRAME zahlreiche begleitende Forschungsarbeiten. Untersucht werden unter anderem das Verhalten von Phagen im menschlichen Körper, Veränderungen des Darmmikrobioms während der Behandlung, KI-gestützte Vorhersagemodelle für den Therapieerfolg sowie gesundheitsökonomische Fragestellungen und die Perspektive der Patientinnen und Patienten.
REPhRAME steht für „Recurrent Urinary Tract Infection: Efficacy and Safety of Phage Therapy and Microbiota Transfer“. Das Projekt wird durch das europäische Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon Europe gefördert. Ziel ist es, den Antibiotikaeinsatz nachhaltig zu reduzieren, wiederkehrende Harnwegsinfektionen zu verhindern und die wissenschaftlichen sowie regulatorischen Grundlagen für den breiteren Einsatz phagenbasierter Therapien in Europa zu schaffen.
