Rund 100 Gäste sind am 8. September 2026 zum „Onko-Talk NRW“ ins Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) der Uniklinik Köln gekommen. Bereits zum fünften Mal hatten das CIO Köln und das Westdeutsche Tumorzentrum Essen (WTZ) gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft zu der Veranstaltungsreihe eingeladen. Im Mittelpunkt stand diesmal die Frage, ob und wie Krebs vererbt werden kann.

Zu Beginn ging es um die Zukunft der Krebsmedizin in NRW: Das Wissenschaftsministerium hatte kurz zuvor 200 Millionen Euro für das neue Forschungscluster „AI4CancerCure.NRW“ angekündigt. Darin sollen die Universitätskliniken des Landes ihre Krebsforschung enger mit Spitzenforschung zu Künstlicher Intelligenz (KI) verknüpfen. Univ.-Prof. Dr. Michael Hallek, Direktor des CIO Köln und Koordinator des Konsortiums, erläuterte, dass Kompetenzen in KI, Informationstechnologie und Medikamentenentwicklung mit den großen Datenbeständen der Universitätskliniken zusammengeführt werden sollen. Univ.-Prof. Dr. Martin Schuler vom WTZ Essen betonte als weiteren Schwerpunkt die individuelle Prävention und Früherkennung. Mithilfe der gebündelten Daten sollen künftig unter anderem individuelle Erkrankungsrisiken besser eingeschätzt und Früherkennungsmaßnahmen gezielter ausgerichtet werden können.

Den Hauptteil des Abends eröffnete Prof. Dr. Kerstin Rhiem, Leiterin des Zentrums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Uniklinik Köln und Koordinatorin des Deutschen Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs. Sie zeigte, welche Fortschritte die Forschung in den vergangenen 30 Jahren gemacht hat und welche Bedeutung genetische Faktoren für Prävention und Früherkennung haben. Über das Deutsche Konsortium sind inzwischen 25 universitäre Zentren und mehr als 300 onkologische Zentren vernetzt.

Dr. Lotta Ida Fischer, Oberärztin am Kölner Zentrum, erläuterte, dass eine nachgewiesene Genveränderung zwar das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen erhöht, aber nicht bedeutet, dass eine Erkrankung zwangsläufig eintritt. Je nach individueller Situation kommen eine intensivierte Früherkennung, etwa durch MRT-Untersuchungen, oder risikoreduzierende Operationen infrage.

Wie belastend eine familiäre Krebsdisposition sein kann, schilderte Matea Tadic. Sie verlor mehrere Frauen in ihrer Familie an Krebs, darunter ihre Mutter, die früh an Eierstockkrebs erkrankte. Sie entschied sich deshalb für vorbeugende Operationen an Brust und Eierstöcken. Doch nicht immer lässt sich eine familiäre Häufung genetisch erklären. Ursel Wirz erkrankte selbst viermal an Brustkrebs - auch ihre Zwillingsschwester und ihre Mutter waren betroffen. Trotz langjähriger Betreuung am Kölner Zentrum konnte bislang keine bekannte ursächliche Genveränderung nachgewiesen werden. Dr. Fischer betonte, dass ein solcher Befund nicht ausschließt, dass eine Erkrankung erblich bedingt sein könnte. Die Ursache könne mit den heutigen Methoden lediglich nicht gefunden werden. Weitere Forschung, etwa durch umfassendere Genomsequenzierungen, sei deshalb wichtig.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Wissenschaftsministerin Ina Brandes, Prof. Rhiem, Priv.-Doz. Dr. Christopher Schroeder vom neu gegründeten Institut für Familiäre Tumorerkrankungen der Uniklinik Köln und Prof. Dr. Dirk Schadendorf vom WTZ Essen ging es auch um die Übertragung des Kölner Versorgungsmodells auf weitere Krebsarten wie Haut- und Prostatakrebs. In der Fragerunde standen die Betreuung von Menschen mit erhöhtem familiärem Krebsrisiko und der Umgang mit genetischen Informationen innerhalb der Familie im Fokus. Prof. Rhiem verwies auf die spezialisierten Zentren des Deutschen Konsortiums und betonte, wie wichtig es sei, innerhalb der Familie offen über bekannte Krebsrisiken zu sprechen.

Zum Abschluss bestand Einigkeit darüber, dass die über Jahrzehnte aufgebauten Strukturen für familiären Brust- und Eierstockkrebs als Modell für weitere Krebsarten dienen können. Ziel ist es, wirksame Konzepte für Prävention und Früherkennung künftig schneller zu entwickeln und in die Versorgung zu bringen.

Einen ausführlichen Nachbericht finden Sie hier